Columbia Mission 35
Sternzeit 25.08./27.08.2017

Year oft he Raptor – Part II – a moon too far

Persönliches Tagebuch

 

Keira Valeris, Crewman I Grade, Abteilung Wissenschaften und Medizin

 

Eigentlich sollte ich schlafen gehen. Ich bin erschöpft, fühle mich bleischwer. Aber ich glaube ich habe Angst vor dem, was O’Connor irgendwann einmal erzählt hat. Vor dem, was in den Nächten kommt. Die Gedanken, die schwer wie Mühlsteine immer im Kreis herum mahlen und doch zu nichts führen außer zu Alpträumen und Schuldgefühlen. Oder ich habe Angst davor, daß genau das nicht passiert. Daß ich schlafe wie ein Baby. Zu was macht mich das?
Also rede ich mit dem Computer. Versuche meine Gedanken zu ordnen. Vielleicht komme ich zur Ruhe, wenn alles einmal gesagt ist.

 

…Die letzten Wochen und Monate haben nicht viel gebracht. Damit meine ich, was meine persönliche Angelegenheit angeht. Keine neuen Informationen über Damiens Verbleib. Nur der Bürgerkrieg, der im romulanischen Reich eskaliert. Die Gemäßigte Fraktion mit dem Senat sucht den Kontakt zur Föderation; die Radikalen, die etwa 90 % der Militärmacht stellen, haben den Vertrag von Algernon aufgekündigt, können das Wort Frieden noch nicht einmal mehr buchstabieren und wurden im Gegenzug von den Gemäßigten zu Terroristen erklärt. Keiner weiß, wo die Weiße Garde der Prätorianer steht und wer sie offiziell befehligt und damit es nicht zu langweilig wird gibt es viele Vasallenvölker, die sich vom Kernreich losgesagt haben und von denen jeder seine eigene Suppe kocht.
Informationen dringen kaum durch oder sind spärlich und bruchstückhaft.

 

Und was tut die Föderation in diesem Chaos? Wir leisten humanitäre Hilfe. Springen von hier nach dort wenn die Bitte eines Senators uns erreicht oder eins der Separatistenvölker um Unterstützung bittet. Es kommt mir nicht so vor, als würden wir einen wirklichen Beitrag leisten und das tut weh. Wir verteilen Wassertropfen auf einem Großbrand. Kleben Pflaster auf eine stoßweise blutende Arterie auf. Wir scheinen nichts  zu bewirken. Und über alledem schwebt für mich immer noch der dringende Wunsch, etwas über den Verbleib meines ehemaligen Verlobten zu erfahren.
Ich stelle zunehmend fest, daß mir die Romulaner und ihr verdammter Krieg gleichgül…
Halt. Genau das meine ich. Gedankengänge, die eines Angehörigen der Sternenflotte unwürdig sind. Ich bin nicht mit dem Herzen dabei. Tue die Dinge nur aus Pflichtbewußtsein. Falscher Ansatz, ich weiß. Ich kann es nur gerade nicht ändern. Vielleicht wäre alles anders, wenn ich endlich wüßte, was aus ihm geworden ist. Sogar die gesicherte Nachricht seines Todes wäre eine Erleichterung. Als ich damals seinen Namen auf den Listen des Internierungslagers gefunden habe dachte ich nun wird alles besser. Das Gegenteil ist der Fall. Wo vorher eine Art Resignation herrschte steht jetzt eine Ungeduld, die kaum zu kontrollieren ist, die mich rastlos macht und mit Wut erfüllt. Daß mich Bürgerkriege in ihrer ganzen Sinnlosigkeit wütend machen sollte allerdings erlaubt sein.
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Niemand hat mir je gesagt, daß die Hoffnung, die einfach nicht sterben will einen so fertigmachen kann.

 

Alles was ablenkt ist willkommen. Die nächste Mission ruft uns an Bord der USS Challenger. Die Galaxy Class wird uns zum romulanischen Mond Rat’lei bringen, wo wir mit zwei Shuttles zur Oberfläche fliegen. Es geht darum, eine mehrhundertköpfige Gruppe von romulanischen Zivilisten, die dort unten Terraforming und Siedlungsvorbereitungen betrieben haben zu evakuieren und vor romulanischen Radikalen in Sicherheit zu bringen, in deren Eroberungszügen dieser Mond das nächste Ziel wurde.
Unser Job ist reine Bürokratie, wir sollen die Zivilisten anhand von Namenslisten identifizieren, medizinisch untersuchen und alles für deren Evakuierung auf die Challenger vorbereiten. 800 Zivilisten retten, während sich anderswo Abertausende gegenseitig abschlachten. Und dennoch ist es das Einzige, was wir tun können.
Wir waren einmal ein Forschungsschiff, unterwegs in wissenschaftlichen und diplomatischen Missionen aber Kriege haben es so an sich, das normale Leben zum Erliegen zu bringen. Ich habe den kindischen Wunsch, daß alles einfach wie früher sein soll.

 

Ich besteige also das Shuttle mit O’Connor, Wynter, Funk, T’Cadra, Reynolds und Ionescu. Der Pilot, Ensign Philippe Favreaux ist ein netter Bursche, mit dem ich auf Französisch noch ein paar Witze über die Unmöglichkeit mache, die Worte „Shuttle“ und „Rat’lei“ mit französischem Akzent korrekt auszusprechen.
Schiffe wie die Challenger bieten aus der Ferne einen imposanten Anblick.
Drei romulanische Warbirds der D’deridex-Klasse allerdings, die sich plötzlich enttarnen und beginnen, das Feuer darauf und auf zwei sich entfernende Shuttles zu eröffnen sind da weit weniger willkommen.
Die Warbirds beginnen uns gezielt zu jagen und bringen die Challenger in derartige Bedrängnis, daß deren Captain abdrehen muß. Er kann nicht die Sicherheit seiner tausendköpfigen Crew wegen uns aufs Spiel setzen. Für uns wird das Ganze eine heillose Flucht auf den Planeten. Favreaux vollführt ein unmögliches Ausweichmanöver nach dem anderen, während wir wie Spielzeuge in einer Kiste umhergeschleudert werden. Chaos, Lichter, Einschläge und Lärm. Funkenflug im Shuttle, die Lichter gehen aus, O’Connor brüllt etwas. Keine Ahnung wie wir es nach unten schaffen. O’Connor, der irgendwie den Überblick behält und den Piloten anweist uns rauszubeamen, sobald er eine halbwegs sichere Möglichkeit dazu sieht, ist unsere Rettung.
Eine letzte Explosion und dann Dunkelheit.
Dunkel bleibt es auch, als ich mich wieder halbwegs sortiert habe. Ich liege in einem Waldstück, der Himmel ist dunkel, die hohen Bäume verdecken das letzte bißchen Licht und es ist finster wie im altmodischen sprichwörtlichen Bärenarsch. Mit großer Erleichterung stellen wir bald fest, daß wir zusammen herausgebeamt wurden, auch wenn es mühsam ist, sich zurecht zu finden. Es ist so dunkel, daß wir jemanden, der einen Meter neben uns steht nicht erkennen können.
Nur O’Connor fehlt. Und Favreau. Sie könnten in zwanzig Meter Entfernung liegen und ohnmächtig sein und wir hätten nicht die geringste Chance sie zu finden.

 

Ionescu hat ein gebrochenes Bein. Im Finstern ohne medizinisches Equipment, geschweige denn einen Tricorder dieses Bein abzutasten, die verschobenen Bruchkanten des Schienbeins zu fühlen und einzurichten, das Ganze mit Holzstücken und Uniformärmeln zu stabilisieren fühlt sich nach finsterstem Mittelalter an. Und es macht mir bewußt, wie hilflos wir ohne Licht und unsere Ausrüstung sind. Nur Wynter und Funk haben jeweils einen Phaser am Mann. Ionescu jedenfalls erträgt meine quälenden Maßnahmen heldenhaft.

 

Dann nähern sich Stimmen. Daß es sich nicht um Hilfe handeln kann wird uns schnell klar, als wir hören, wie eine Stimme befiehlt, uns zu suchen, wir müßten ja irgendwo hier sein. Latinum für denjenigen, der uns findet. Es klingt definitiv nicht wohlwollend.
Als sie nahe genug dran sind eröffnen unsere beiden von der Sicherheit ohne weiteren Kommentar das Feuer und betäuben den Trupp.
Das bringt ihnen einen Tadel von Reynolds ein, der sie fragt ob wir neuerdings schießen bevor wir reden. In dem Fall kann ich dem XO nicht zustimmen. Manchmal ist zuerst Schießen und hinterher Fragen stellen besser.
Ganz bestimmt im Fall eines romulanischen Suchtrupps der es auf unsere Köpfe abgesehen hat.
Funk und Wynter tauschen einen ungläubigen Blick, der mir sagt, daß das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen wurde. Aber selbst ich werde jederzeit sagen, daß ich keine Sekunde daran geglaubt habe, daß dieser Suchtrupp in friedlicher Absicht kam. Der Tonfall war zu aggressiv, die Worte zu eindeutig. Ich fühlte mich bedroht.
Noch bevor die Frage endgültig geklärt werden kann nähert sich eine weitere Suchmannschaft.
Also kauern wir uns um Ionescu wie die Hasen ins Gebüsch, während Funk und Wynter lautlos im Unterholz verschwinden. Ich glaube, ich bin in diesen Minuten um mehrere Jahre gealtert. Hilflos und unbewaffnet mit gesenkten Köpfen dazuhocken, während der Kegel der Lampen über uns hinwegstreicht und ein bewaffneter Romulaner nur zwei Meter entfernt von uns steht ist eine Erfahrung, die ich nicht noch einmal machen möchte. Keine Ahnung, wo Funk und Wynter stecken.
Eine Sekunde bevor ich aufspringe, um mich lautstark zu ergeben und die Aufmerksamkeit von dem Verletzten abzulenken tauchen die beiden aus dem Dunkel auf und schalten auch diesen Romulaner aus. Gefühlt in letzter Sekunde.
Wir müssen hier verschwinden.
Aber nicht, ohne ein Kiste Material zu bergen, deren Transportverstärker in einiger Entfernung rötlich vor sich hin blinkt. Zumindest befinden sich darin ein Erste Hilfe Medkit, ein Tricorder und ein paar Jacken, Wasser und eine Lampe. Damit kann ich Ionescu die Schmerzen nehmen.
Die Romulaner haben etwas von Spürhunden oder ähnlichem gesagt. Die Methode, die zum Ablenken eventueller Hunde vorgeschlagen wird ist unappetitlich aber vermutlich effektiv. Eine der Jacken wird mit unserem Urin durchnäßt in anderer Richtung über den Waldboden geschleift und in einiger Entfernung liegen gelassen.
Sorgen machen uns der Verbleib von O’Connor und des Piloten. Wir finden keine Spur von ihnen und auch der Tricorder zeigt nichts an. Wir immer in solchen Situationen verdrängt man die Möglichkeit ihres Todes, geschweige denn die Sorge um den Verbleib des anderen Shuttles und tut einfach das Naheliegende.
Wir konzentrieren uns darauf, mit dem Tricorder nach Energiesignaturen zu suchen, die uns eine mögliche Wegrichtung aufzeigen und hoffen, etwas oder jemanden zu finden, der uns weiterhelfen kann. Hierbleiben ist unmöglich.

Der nächtliche Marsch durch unbekanntes Terrain in absoluter Dunkelheit bleibt mir wie ein Alptraum in Erinnerung. Zwar verfügen wir mittlerweile über Lichtquellen aber der dauerhafte Einsatz ist zu riskant, also beschränken wir uns darauf, schwaches Licht zu machen, wenn wir uns wirklich komplett im Unterholz verfangen und nach anderen Wegen suchen müssen. Geräusche von unbekannten Tieren. Feuchtigkeit. Dichtes Unterholz und schwammiger Boden.
Ionescu muß getragen werden. Glücklicherweise gehört er nicht zu den Schwergewichtigen.
Immer wieder sehen wir die Lichter von romulanischen Suchtrupps durch den Wald schweifen und müssen uns wahlweise verstecken oder angreifen. Ich bin dankbar wie selten daß Wynter und Funk bei uns sind. Ich glaube ohne sie hätten wir den Suchmannschaften nichts entgegenzusetzen gehabt. Wir folgen den Energiesignaturen und finden immer wieder Teile unserer Ausrüstung, die offensichtlich aus dem Shuttle gebeamt wurde. Die Teile wurden weit verstreut – immer noch besteht die Hoffnung, daß wir weitere Überlebende finden könnten.
Niemand beklagt sich. Die Tatsache, daß wir vorwärts kommen und immer wieder kleine Erfolge verzeichnen können und ein Ziel haben macht es leichter, die Umstände  zu ertragen. Funk und Wynter wirken…tja, es mag seltsam erscheinen, euphorisch ist vielleicht  zu viel gesagt aber sie scheinen ganz in ihrem Element  zu sein.
Nach Stunden erreichen wir den Rand des Waldes und auch da suchen Romulaner nach uns. Unsere abstürzenden Shuttles müssen weithin zu sehen gewesen sein. Eine Energieanzeige auf den Tricordern sticht heraus und zeigt uns einen Standort in etwa zwei Kilometern Entfernung an. Mit etwas Glück liegt dort eine Siedlung von Gemäßigten.

 

Dennoch bleiben wir extrem vorsichtig. Und das zu Recht, denn als wir uns den Gebäuden nähern bemerken wir weitere romulanische Patrouillen. Es kommt zu Schußwechseln. Im Gegensatz zu uns halten diese Romulaner nichts von betäubenden Schüssen, doch es gelingt uns, alle Wachleute auszuschalten und bis zum ersten Gebäude vorzudringen. In Inneren ist es ruhig. Wir finden Ausrüstungsteile, die wir als Eigentum von Mitgliedern unserer Crew identifizieren. Hoffentlich sind sie noch hier. Aber wo zum Teufel stecken sie? Die Tricorder zeigen eine Art Höhlen- oder Minenkomplex an, außerdem Signaturen von Menschen, Vulkaniern und Betazoiden. Und Romulaner.
Also dringen wir weiter vor und landen in etwas, was nach einer alten Mine aussieht, die zum Gefängniskomplex ausgebaut wurde. Typisch für Romulaner. Man könnte meinen sie können nichts bauen oder nutzen ohne ein Internierungslager daraus zu machen.
Natürlich kochen Gedanken daran hoch, daß Damien in genau so etwas sitzen könnte. Und natürlich erwacht die völlig aberwitzige Hoffnung, daß er hier sein könnte, egal wie unwahrscheinlich das wäre.

 

Mit Erleichterung finden wir zumindest unsere vermißten Crewmitglieder aus dem anderen Shuttle, die sich in einem Wachraum verschanzt haben.
Nachdem Kadettin Miraj das Shuttle mit dem Obersten zuunterst irgendwie auf die Oberfläche manövriert hatte wurden sie gefangen genommen, in eine Zelle gesperrt, verhört und teilweise gefoltert ehe ihnen die Flucht durch die dunklen Tunnel gelang. Ihre Situation war unserer nicht unähnlich, doch momentan haben wir die Lage und die Mechanismen des Komplexes unter Kontrolle.
Gilmore hat nach einem Verhör gebrochene Finger. Te’lar wurde ebenfalls mißhandelt. Javerts Arm sieht nach einem Disruptorschuß aus wie gegrillt. Immerhin kann Dr. Sanders mit Hilfe meines Erste Hilfe Kits Schmerzmittel und Antibiotika verteilen, doch diese Behandlung wird nicht ausreichen.

 

Mittlerweile ist die Anlage verlassen. Nur noch ein inhaftierter Romulaner, ein Kommunikationswissenschaftler mit unaussprechlichem Namen, Dr. Sharien Chi-Chironsala Tr'Rhayjer (Ja, ich mußte in den Datenbanken nachsehen), ist bei uns.
Auch dieses Internierungslager war dafür da, politische Gefangene aus unterschiedlichsten Lagern festzuhalten, damit die Radikalen deren Familien erpressen konnten. Doch das Lager war schon weitestgehend geräumt und aufgegeben worden, ehe wir hier eintrafen.
Wir sind erschöpft und verletzt. Ohne passendes medizinisches Equipment können die Verwundeten nur sehr rudimentär versorgt werden, was Dr. Sanders schier zur Verzweiflung treibt. Aber die Crew hat sich wiedergefunden und als noch O’Connor dazustolpert, der beim Beamen aus dem Shuttle irgendwo weit von uns heruntergekommen ist, ist zumindest die Moral einigermaßen wiederhergestellt. Eine Sorge weniger. Auch wenn wir um Ensign Favreau, den Piloten, trauern werden müssen, der es laut O’Connor nicht mehr herausgeschafft hat ehe das Shuttle explodiert ist.

 

Wir müssen uns ausruhen. Neue Kräfte sammeln. Der vorderste Bereich des Lagers wird zu unserer Basis erkoren.
Die Nacht wird unruhig. Ein gewaltiger Sturm tobt über dem Komplex und entlädt sich über mehrere Stunden ohne Unterlaß, lautstark und begleitet von herabstürzenden Wassermassen.

 

Am nächsten Morgen hat sich das Wetter beruhigt auch wenn es schwül ist wie in einem Waschhaus. Wir tragen Informationen zusammen. Oberste Prioriät hat das Auffinden der medizinischen Lazarettausrüstung. Ohne adäquate Versorgung können wir mit den Verletzten keine längere Flucht antreten. Bewaffnet sind wir mittlerweile.
Ganz in der Nähe befindet sich eine Subraumkommunikationsstation, die könnten wir vielleicht nutzen um ein Notsignal abzusetzen.
Außerdem muß die Datenbank des Internierungslagers ausgelesen werden, eine Karte der Umgebung angefertigt werden und unser Standort ermittelt werden.
Und es gilt, die romulanischen Wachen zu verhören.

 

Die Ergebnisse sind insgesamt nicht sehr ermutigend. Wir haben es geschafft, auf einem anderen Kontinent zu landen als dort, wo wir eigentlich zu den Siedlern wollten. Das hiesige Internierungslager wurde offiziell als Forschungsstation geführt, geleitet von einem Sublieutenant Saarc. Der allerdings wird identifiziert als einer der Toten.
Romulanische Disruptoren sind scheußliche Waffen aber wenn es darum geht, um sein Leben zu kämpfen ist die Wahl der Methoden nicht immer freiwillig.
Ja, es gibt tote Romulaner. Die Tatsache verwundert mich ein wenig, aber ich kann nicht die Hand dafür ins Feuer legen, daß ich wüßte, wie ich die Einstellungen eines Disruptors zu regeln hätte. Und wenn das die einzige Waffe ist, die mir zur Verfügung stünde, dann würde ich sie im Falle von Lebensgefahr natürlich nutzen. Außerdem war es in den Gängen mindestens so dunkel wie im Wald draußen, wer weiß, wer da in wen unglücklich hineingelaufen ist.

 

Ein Abgleich mit den Listen ergibt, daß die komplette ansässige Mannschaft in Gewahrsam genommen oder getötet wurde. Die Suchtrupps im Wald sind schon Verstärkung, die angefordert wurde. Wir müssen jederzeit damit rechnen, daß weitere kommen werden.
200 Kilometer von uns entfernt ist eine weitere Siedlung. Wenn wir die Kommunikationseinheit betreiben können, können wir zwar um Hilfe bitten aber die Lage um den Mond herum ist völlig unklar. Da könnten Kämpfe toben, wer weiß, wer das Signal auffängt, was dann zu uns kommt und wie lange es im Falle eines Erfolgs dauern kann, bis tatsächlich Hilfe kommt.
Wir könnten hier sehr lange Zeit festsitzen.
Lieber nicht darüber nachdenken.

 

Gilmore und ich finden das Signal des medizinischen Equipments in dem Quadranten, in dem unser Shuttle gestern explodierte. Also muß ein Team dorthin zum Bergen zurück.
Wir bewegen uns mit äußerster Vorsicht.
Und geraten trotzdem in einen romulanischen Hinterhalt der uns unter Dauerfeuer setzt. Es gelingt uns die Ausrüstung zu bergen aber es erfordert ein rasches Rückzugsgefecht und eine Flucht im Dauerlauf mitsamt der schweren Kiste und in ständiger Gefahr, den Romulanern wieder in die Hände zu fallen.
Als wir wieder in der Basis ankommen macht sich der Doc daran, die Verwundeten endlich lege artes zu versorgen. Ein Arzt ohne Ausrüstung fühlt sich offenbar ähnlich nützlich wie ein Wissenschaftler ohne Tricorder und ich kann ihm seine Erleichterung, endlich tätig werden zu können, anmerken.
Was ich hier tue hat mit Wissenschaft nicht das Geringste zu tun aber ich merke, daß ich über den Punkt hinaus bin, mich hinter meinem Computer verkriechen zu wollen. Es ist mir egal, wie meine Stellenbeschreibung aussieht. Es kostet mich immer noch Überwindung aber ich habe gemerkt, daß ich in der Lage bin, Wache zu stehen, einen Phaser abzufeuern, mich unter körperlich harten Anforderungen trotzdem schnell und effizient zu bewegen und zu handeln. Weder bin ich vor Panik erstarrt, noch fühle ich mich unnütz oder hilfslos.
Das ist ein gutes Gefühl und erfüllt mich mit einem gewissen Stolz. Vor allem wenn ich daran denke, wie ich ganz zu Beginn meiner Dienstzeit unter solchen Umständen reagiert hätte.

 

Eine Untersuchung der alten Sendestation, die zum Glück ohne Zwischenfälle verläuft, ergibt, daß die Station genutzt werden könnte, wenn wir es schaffen, Ersatzteile zu finden und sie wieder instand zu setzen. Dafür muß der Minenkomplex systematisch durchsucht werden.

 

Es gibt vielfältige Informationen aus den Datenbanken zu entnehmen, was Sinn und Zweck der Einrichtung angeht, die Listen von Gefangenen und Beteiligten aber diese Informationen sind offizieller Natur und werden in den entsprechenden Berichten auftauchen. Da kann ich alles nachlesen. Zugegebenermaßen bin ich müde. Die letzte Nacht war zu kurz und zu unruhig.
Über Damien ist weder den Wachen etwas bekannt, noch kann Telar den Listen etwas entnehmen. Die Suche wird weitergehen müssen.

 

Keine Ahnung, was mich reitet, mich T’Cadra anzuschließen und die technischen Teile zu suchen, von denen wir vermuten, daß sie im Minenkomplex gelagert werden oder verbaut wurden. Es ist dunkel da drin. Eng. Klaustrophobisch. Dennoch lasse ich keinen Gang, keine Ecke und keine Ritze aus. Es fühlt sich an wie eine willkommene Bestrafung, allerdings weiß ich nicht wofür. Vielleicht will ich wissen, wie man sich als Gefangener der Romulaner fühlen muß. Und es schürt weitere Wut auf die Romulaner und die ist mir momentan willkommener als stumme Verzweiflung weil sie mich weitertreibt und dazu bringt, nicht aufgeben zu wollen, egal wie müde ich bin.

 

Als wir endlich alle Teile nach stundenlanger Suche beisammen haben bauen die Techniker die Sendeeinheit zusammen und ich nutze die Gelegenheit um mich kurz hinzulegen und mal eben die Augen zu zu machen.
Aber wie es immer so ist - gerade in dem Moment, in dem ich beginne in eine angenehme Leere abzudriften werde ich von Lieutenant Javert wachgeschüttelt, die mich zum allgemeinen Update ruft.

 

Die bisher gesicherten Fakten werden zusammengetragen.

 

Das Gefängnis ist offiziell unbekannt. Der Terraformingauftrag für den Mond erging vom Ministerium für Kolonisierung. Von der Sendeeinheit die in der Nähe liegt wurden Transmissionen aufgezeichnet, die sich zum einen mit der Verwaltung des Planeten beschäftigen. Außerdem ging eine Nachricht eines gewissen Admirals Raktul von der radikalen Gruppierung an die Kolonisten, daß sie sich den anrückenden Invasionstruppen ergeben sollten. Daraufhin versuchten die Kolonisten wohl einen Hilferuf an die romulanische Übergangsregierung zu senden, der allerdings nicht mehr übermittelt wurde.
Als die Radikalen ihre Ankündigung machten folgten die meisten Wachen der Aufforderung bereitwillig. Nur zwei der Wachen der gemäßigten Fraktion versuchten vermutlich heimlich den Notruf abzusenden, wurden allerdings gefangengenommen und als Verräter hingerichtet.

 

Es scheint gesichert, daß es viele geheime Internierungslager unter den Deckmänteln von Forschungseinrichtungen gibt, die einzig und allein dazu dienen, Gefangene festzuhalten, deren Familien von politischem Interesse sind und die das Militär mit Erpressung gefügig zu machen versucht.
Um den Einfluß des romulanischen Geheimdienstes, des Tal'Shiar, möglichst gering zu halten werden die Gefangenen ständig verlegt und auch das Wachpersonal immer wieder gewechselt, so daß niemand mit Sicherheit über den Verbleib von Insassen oder zuständige Wachen Auskunft geben kann.
Das ist allerdings eine wertvolle Erkenntnis, allerdings wird es Aufgabe der Romulaner sein, diesem Treiben nach Möglichkeit ein Ende zu machen, damit politische Entscheidungen von wichtigen Oberhäuptern endlich ohne Erpressung im Hintergrund getroffen werden können. Vielleicht nimmt dann auch der Krieg eine Wendung. Es kann einfach nicht im Interesse der Romulaner sein, sich gegenseitig auszulöschen, niemand sollte oder kann so versessen auf seine Selbstzerstörung sein. Wir schreiben doch nicht mehr das 21. Jahrhundert…

 

Über Damiens Verbleib ist wie bereits erwähnt auch den hiesigen Wächtern nichts bekannt, was unter den gegebenen Umständen nicht weiter verwundert, mich aber auch nicht zufriedener stimmt.
Es hilft nichts, die romulanische Art ist mir zuwider. Zu leicht mit den tödlichen Waffen zur Hand, zu menschenverachtend im Umgang mit ihren Gefangenen, zu arrogant. Ich mag dieses Volk nicht.
Ich kann mir hundertmal vorsagen, daß diese Haltung ebenfalls irrational und unwürdig ist - es ändert nichts an meinen Gefühlen. Und wenn einzelne Individuen, wie zum Beispiel der romulanische Doktor noch so hilfsbereit und kooperativ und sogar freundlich sind - ich vermeide jeden näheren Kontakt mit ihm.
Telar fällt aus diesem Schema auch irgendwie heraus. Ich weiß nicht wieso. Auch der Doktor hat Gefangenschaft und Mißhandlung von seinesgleichen erfahren aber allmählich scheine ich ähnlich irrational wie Crewman Funk zu denken von dem ich weiß, daß er die Romulaner verabscheut und der trotzdem Telar schätzt. Fast wie ein Haustier oder Maskottchen. Sogar dieser Gedanke ist unwürdig aber ich kann ihn nicht komplett verdrängen. Telar ist nicht mehr fremd. Er ist ein Mannschaftsmitglied, egal ob offiziell dazugehörend oder nicht. Einer von uns.
Aber wenn sich jeder einzelne Romulaner persönlich bewähren muß, damit ich ihn akzeptieren kann wird das ein sehr langer und steiniger Weg. Es muß doch gestattet sein, ein Volk im Großen und Ganzen nicht sympathisch zu finden und keinen Wunsch zu haben, mit ihnen näheren Kontakt zu pflegen! Einfach weil einem deren Art zuwider ist.

 

Egoistisch betrachtet hätte ich jetzt gerne Counselor Campbell hier aber um ihretwillen bin ich froh, daß sie nicht da ist.

 

Der nächste Auftrag lautet, die Sendestation instand zu setzen und den Notruf zu senden, doch dann geht der Annäherungsalarm los.
Wir erstarren für eine Sekunde.
Romulanische Skorpionjäger im Anflug auf das Lager.
Kaum haben wir das realisiert beginnt der Beschuß und jemand brüllt den Befehl, sich tiefer in den Komplex zurückzuziehen. Wir fliehen.
Das notwendigste Equipment und vor allem die technische Ausrüstung wird gerettet. Ich bin schon beinahe draußen, als mir mein Rucksack einfällt, der noch auf der Pritsche liegt und in dem sich das einzige medizinische Notfallkit befindet. Also drehe ich um, um das verdammte Ding zu holen. Ich bin mir so sicher, daß mir im nächsten Augenblick die Decke auf den Kopf fallen wird als ich als letzte herausrenne, daß es mich ernsthaft wundert, als wir uns alle in einem tiefer gelegenen Raum zusammenkauern und abwarten, bis das Dröhnen, das Beben und das Geriesel von Staub endet. Wieder einmal im Dunkeln und in Angst.
Neben mir drängt sich Kadettin Miraj in die hinterste Ecke und hält sich die Ohren zu. Es braucht keine Javert, die kurz vorbeischaut um sie zu beruhigen um zu merken, daß die Kadettin kurz vor einer Panik steht. Aber sie bekämpft diese Panik in ihrer ganz persönlichen Hölle und das scheinbar erfolgreich.
Ich weiß nicht was ich fühle. Angst...sicher. Wut, immer noch. Vielleicht bewahrt mich das vor dem Schreien. Panik – nein, eher eine Art innere Kälte.
Ich habe nicht die geringste Lust den verdammten Romulanern den Gefallen zu tun und hier zu verrecken wie eine Ratte in ihrem Loch.
Als es kurz ruhiger wird ziehen wir uns durch die Tunnel zurück und versuchen, den zweiten Ausgang zu finden, der näher an der Sendestation liegt.
Übrigens ist es Javert, die das Sagen hat, obwohl das Sache des ersten Offiziers Reynolds wäre. Vermutlich kann sie nicht aus ihrer Haut und wir sind es dermaßen gewohnt, ihrer Führung zu folgen, daß keiner protestiert. Momentan scheint mir das aber auch komplett egal.
Hauptsache irgendjemand weiß, was zu tun ist und hält die Truppe zusammen und funktionstüchtig.

 

Als wir endlich den anderen Ausgang erreichen stellen wir fest, daß wir in der Falle sitzen. Die Skorpionjäger kreisen draußen und scheinen nur auf uns zu warten um uns wie die Hasen zu jagen und abzuschießen. Kurz herrscht Ratlosigkeit.
Und dann äußert Wynter den Vorschlag, mit einigen Freiwilligen nach draußen zu gehen und das Feuer der Jäger auf sich zu ziehen um dem Technikteam die Möglichkeit zu geben, dank der Ablenkung bis zum Turm zu kommen und den dringend benötigten Notruf zu senden.
Der Vorschlag wird nicht augenblicklich abgeschmettert, die Lage erlaubt das nicht. So tief stecken wir also in der Scheiße.
Ich muß beinahe ein hysterisches Kichern unterdrücken.
Funk und O'Connor melden sich augenblicklich freiwillig und Javert ist schon dabei, sich ihnen anschließen zu wollen, als ihr von den drei Männern der Security schlichtweg verboten wird, an dieser Aktion teilzunehmen.
In dem Moment wird mir klar, daß die drei da hinausgehen, um zu sterben. Damit der Rest von uns eine Chance bekommt. Und ich bin dermaßen stolz auf diese drei Mannschaftskameraden, daß mir die Worte fehlen. Gleichzeitig will ich nicht, daß sie da rausgehen und ich weiß doch, daß es die einzige verdammte Chance ist, die wir haben, sei sie auch noch so gering.
Javert beißt die Zähne zusammen, sieht einen Moment zu Boden und ergibt sich dann der Tatsache, daß sie als Offizierin hier gebraucht wird und daß es nicht ihr Vorrecht ist, sich auf diese Weise aufzuopfern.

 

Funk, Wynter und O'Connor verlassen die Mine. Falls es jemals einen Moment gegeben hätte, ihnen noch etwas zu sagen, wäre das jetzt gewesen, aber mir fällt beim besten Willen nichts ein, was ich Sinnvolles sagen könnte und dann sind sie fort.
Wir können nur hilflos beobachten, wie die Jäger abdrehen um die drei Männer aufs Korn zu nehmen. Fürs Beten bleibt keine Zeit, dann verläßt das Technikteam den Raum und rennt im Schutz der Bäume zum Sendeturm. Was drinnen übrig bleibt ist nur eine kleine Truppe. Javert, ich, Miraj, Sanders, Alenis...vielleicht noch jemand, ich weiß es nicht mehr.
Wir kauern im Wachraum und hören den Funksprüchen zu. Wynter brüllt, daß das Ablenkungsmanöver erfolgreich war und die Jäger ihnen auf den Fersen sind. Sie selbst beharken die Skorpionjäger mit ihren Phasern auf maximaler Einstellung, auch wenn das kaum etwas nützt. Es reicht, um die Aufmerksamkeit der Jäger auf ihnen zu halten.
Das Technikteam dagegen erreicht den Turm unbeschadet und beginnt mit dem Einbau der Sendeeinheit.
Die drei von der Security geraten einem Jäger direkt vor das Visier. Bevor der allerdings schießen kann kommen andere Skorpionverbände dazu und eröffnen das Feuer auf den Jäger. Eine Schlacht von Jägern gegen Jäger entbrennt und die Security steht mitten dazwischen. Kein guter Platz aber minimal besser als der Hase vor dem Jäger zu sein.
O'Connor meldet, daß sie schwer Verletzte haben und versuchen sich zurückzuziehen. Sie brauchen dringend medizinische Versorgung, Funk verblutet bald.
Der Kontakt bricht ab.
Natürlich versuchen wir sofort nach draußen zu kommen um die Verletzten zu bergen aber in diesem Moment werden fast vor unserer Nase romulanische Truppen heruntergebeamt und wir können uns gerade noch wieder in den Eingang  zurückziehen ehe sie feuern. Erneute Explosionen, die von uns hochgefahrenen Kraftfelder des Komplexes brechen zusammen.
Das Technikteam meldet schweren Beschuß und Verletzte und benötigt ebenfalls Hilfe. Und wir können nicht raus. Sanders sieht aus, als wolle er gleich vor hilfloser Wut und Frustration, nicht helfen zu können anfangen sich durch die Felswände  zu graben.
Alles scheint zusammenzubrechen und ich merke, wie mir noch kälter wird. Ich glaube, so eng war es für uns noch nie, so unmittelbar auf allen Fronten.
Die Romulaner kommen über die anderen Gänge. Wir verbarrikadieren den Eingang zum Wachraum und verhalten uns still. Alle Phaser sind auf die Tür gerichtet. Der erste Romulaner der seinen Kopf hier hereinsteckt wird sein blaues Wunder erleben. Ich gestehe, daß ich den Moment herbeisehne und wenn es das Letzte ist was ich tue. In die Enge getriebene Ratten beißen um sich.
Mein Kopf fühlt sich leicht an wie ein Luftballon und scheint irgendwie einen halben Meter neben meinen Schultern zu schweben. Alles ist unwirklich. Rational betrachtet weiß ich, daß das die Auswirkungen des Adrenalins sind – emotional trennt mich nicht mehr viel vor…ich weiß auch nicht vor was. Momentan kann ich nicht wirklich denken. Ich handele nur.

 

Sie kommen. Versuchen die Tür zu öffnen. Und scheitern. Die Romulaner ziehen sich zurück und es dauert nur eine Sekunde, bis Javert beschließt, daß es genug ist, daß wir es nicht riskieren können, die Romulaner im Rücken zu haben während wir versuchen, zu unseren Verletzten vorzudringen und stattdessen ihnen in den Rücken fallen werden. Ich begrüße diese Entscheidung. Jede Aktivität scheint besser als dieses erzwungene passive Verharren.
Ich bin an Javerts Seite als wir in den ersten Gang vorrücken und prompt den Romulanern gegenüberstehen.
Javert wird niedergeschossen und fällt mir vor die Füße, allerdings nicht ohne ihren Gegner mitzunehmen. Dann treffen mich zwei Schüsse in die Seite, was ich irgendwo im Hinterkopf realisiere aber noch tut nichts weh. Ich pralle heftig gegen die Wand und der verfluchte Phaser fällt mir aus der Hand. Ich hechte hinterher, finde ihn durch schieres Glück sofort und richte ihn auf den Romulaner, der mir gegenübersteht und dann schieße ich und er fällt.
Für einen Moment ist es her drinnen wundervoll friedlich und still und die Verlockung, sich einfach dazuzulegen und es gut sein zu lassen ist groß. Aber die anderen sind da draußen, unsere Leute sterben und ich muß hinterher.
Javert kommt auf die Füße und ich folge ihr. Wie immer, eigentlich. Die plötzliche Helligkeit ist blendend.

 

Wir laufen den Verletzten entgegen und dann sind da schon wieder Romulaner. Sie kommen aus dem anderen Ausgang und Javert blickt einer der Waffen direkt in die Mündung. Sie fällt. Wieder. Der Rest ist weiter vorne, erledigt einen der Gegner nach dem anderen, keiner bemerkt es.
Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen aber ich drehe um und hole sie. Keine Ahnung, wie ich es schaffe, sie zu schleifen, keine Ahnung, wieso uns keiner unter Beschuß nimmt aber endlich sind wir bei den anderen.
Funk und Wynter müssen in der Nähe einer großen Explosion gewesen sein, Wynters rechtes Bein sieht aus wie durch den Fleischwolf gedreht und Funk ist entsetzlich bleich. Ein großes Trümmerteil ragt ihm aus dem Bauch und aus der Wunde wird Blut in beängstigenden Stößen ins Gras gepumpt.
O'Connor steht wie durch ein Wunder, weitestgehend unverletzt. Wynter hält Funk fest, spricht auf ihn ein, fleht ihn an, bei ihm zu bleiben, wach zu bleiben, nicht aufzugeben und ich glaube, man könnte ihn momentan nicht mit einem Schneidbrenner von seinem Kameraden trennen.
Dr. Sanders leistet Übermenschliches.
Javerts linkes Auge ist weg und ihre Gehirnfunktionen laufen Amok. Funk springt dem Tod nur um Haaresbreite von der Schippe und bis Sanders mit ihm fertig ist steht Wynter auch kurz vor dem Umkippen.
Noch laufe ich auf purem Adrenalin, also assistiere ich. Ich muß den Phaser beiseite legen, um die Hände freizuhaben und irgendetwas stimmt nicht. Ich komme nicht darauf was. Ich muß Erste Hilfe leisten.
Bis Sanders nach weiteren Verletzten fragt, der Schmerz in meiner Seite aufflammt und mich anspringt wie ein Tiger. Ich komme nicht einmal mehr dazu etwas von Schüssen zu faseln als mir sterbensübel wird und ich vor den Füßen des Arztes kollabiere.
Immerhin habe ich jetzt die Antwort auf die Frage, wieso manche Leute es schaffen noch aufrecht zu stehen obwohl sie biologisch dazu eigentlich nicht mehr in der Lage sein sollten. Ist eigentlich ganz einfach: weil sie müssen!

 

Während ich dasitze und die Medikamente ihre Wirkung entfalten fällt mein Blick auf meinen Phaser, den ich mir wiedergeholt habe.
Der Regler steht auf einer sehr hohen Einstellung. Weit weg von Betäuben.
Mir wird eiskalt. Ich kann mich nicht erinnern, an den Einstellungen herumgefummelt  zu haben. Sollte beim Herunterfallen oder als ich hektisch im Dunkeln danach gegriffen habe versehentlich die Einstellung verändert worden sein…war er auf der Einstellung, als ich auf den Romulaner geschossen habe? Muß er ja, denn danach bin ich bestimmt nicht mehr an den Regler gekommen. Mir wird schlecht. Ich muß davon ausgehen, diesen Romulaner erschossen zu haben.
Ein Leben ausgelöscht zu haben.
Ich könnte darauf hoffen, daß der Treffer nicht tödlich war, daß er bestimmt noch lebt aber in dem Moment trifft mich die Erkenntnis mit Wucht und die Gewißheit fühlt sich an wie ein Schlag mit einem Metallrohr.
Ich habe getötet.
Für einen Moment steht die Welt für mich still. Es ist unfaßbar, daß die anderen sich noch bewegen, Befehle rufen, sinnvolle Dinge tun. Ich erstarre innerlich zu einem Eisklumpen und warte darauf, daß irgendetwas passiert. Irgendein Gefühl. Doch der Schock der Erkenntnis läßt offenbar nur Leere und Kälte zurück. Und Gleichgültigkeit. Ich könnte mich jetzt zu einem Ball zusammenrollen und alles ausblenden. Mich einfach der Leere ergeben und in eine willkommene, mit einem Schock zu erklärende Ohnmacht fallen. Jegliches Handeln und jegliche Verantwortung für alles ablegen. Die anderen machen lassen. Sie im Stich lassen. Zu überflüssigem Ballast werden.
Das ist unmöglich.
O'Connor muß die Leute vom Sendeturm retten und zurückbringen und das schafft er nicht allein. Als er das Rettungsteam zusammenstellt und in Ermangelung von Alternativen auch mich dazu holt rappele ich mich auf. Was sollte ich auch sonst tun?
Ich glaube am Turm haben sie es alleine geschafft, sich der Romulaner zu entledigen dank des Wissenschaftlers, der im Gebrauch eines Disruptors offensichtlich bestens geschult ist und sich nicht scheute, davon auch reichlich Gebrauch zu machen.
T'Cadra ist ohnmächtig, Disruptortreffer. Telar wurde ebenfalls schwer getroffen. Wir bringen sie zurück und endlich ist das ganze Team wieder zusammengeführt. Und wieder kämpfen Sanders und Alenis um Leben.
Und ich dränge alles zurück bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich in Ruhe nachdenken kann.

 

Der Notruf wurde noch abgesendet. Keiner weiß, wie lange wir warten müssen und derweil sitzen wir hier wie auf dem Präsentierteller.
Derweil tobt im Orbit über uns eine gewaltige Schlacht. Romulaner gegen Romulaner. Am Horizont stürzt ein großes Schiff brennend vom Himmel. Wie viele Seelen mögen an Bord gewesen sein?
Ich darf nicht einschlafen. Wir sind noch nicht in Sicherheit.
Ich könnte mich zusammenrollen wie ein Kleinkind. Ich will nach Hause. Nicht auf die Erde. Auf die Columbia.
Die ersehnte Nachricht von Captain Gallagher und der Challenger reißt uns aus einer Art erschöpften Lethargie. Sie sind auf dem Weg aber wir müssen irgendwie noch vier Stunden durchhalten.
Schlecht.
Wenn uns noch einmal eine Truppe Romulaner in die Quere kommt wird der Captain nur noch unsere Leichen finden. Einer weiteren Konfrontation werden wir in unserem Zustand nicht standhalten.
Unsere Nerven liegen blank und als sich dann tatsächlich noch einmal zwei Romulaner nähern habe ich den Finger am Auslöser noch ehe sie in friedlicher Absicht die Hände heben.
Es sind Romulaner der gemäßigten Fraktion, die uns aufgrund unseres Notrufs medizinische Versorgung, Hilfe und Asyl anbieten.

 

Es ist vorbei.

 

Man bringt uns in eine provisorische Unterkunft und bis zur Ankunft der Challenger werden wir von den Siedlern eingeladen um mit ihnen und den gemäßigten Truppen ihre Befreiung zu feiern.
Das Essen ist willkommen.
Die Siedler bedanken sich offiziell bei uns für die Hilfe und ihre Rettung. Auch wenn es sich so anfühlt, als hätten wir nichts getan außer unsere eigene Haut zu retten, wir zählen zur Föderation und für die Siedler ist die Föderation die Hilfe gewesen. Was sich gut anfühlen sollte fühlt sich für mich immer noch....nach nichts an.
Ich trinke mit ihnen, ich gedenke des toten Piloten, ich singe die Lieder und weiß immer noch nicht warum mir das passieren mußte.

 

Es ist vorbei. Und für mich fühlt es sich an, als würde etwas gerade erst beginnen. Nichts Gutes.

 

Javert hat irgendwann einmal gesagt, mein Gesicht sei wie ein offenes Buch. Jede Regung darauf leicht abzulesen.
Man merkt mir an, daß es mir nicht gut geht.
Ich werde das melden müssen. Aber noch kann ich nicht. Ich muß erst schlafen, nachdenken. Mir sicher sein, daß genau das geschehen ist und ich nicht einem Hirngespinst erliege.

 

Wynter spricht uns seine Anerkennung aus. Dafür, daß wir so funktioniert haben, wie wir das getan haben.
O’Connor nimmt mich beiseite und entschuldigt sich bei mir, nachdem er mich gefragt hat, wie es mir geht. Er entschuldigt sich tatsächlich dafür, mich für Dinge eingesetzt zu haben, für die ich weder ausgebildet bin, noch die ich gerne tue. Einfach weil es sein mußte. Weil es keine Alternative gab. Und ich hätte es gut gemacht aber er wisse ganz genau, was er mir da abverlange und er tue es nicht leichtfertig.
Ich mußte ihm sagen, daß das nicht der Grund dafür sei, daß es mir nicht gut ginge. Daß es nicht seine Schuld ist. Daß die Tage, in denen ich mich vor brenzligen Situationen gerne gedrückt habe, weil so etwas nicht in meiner Stellenbeschreibung steht vorbei sind. Daß ich weiterhin gefordert werden will. Um mir selbst zu beweisen, daß ich mehr kann und daß ich kein Ballast bin, der mitgeschleift werden muß.

 

Als dann noch der Captain dazukommt und mich auch noch fragt wie es mir geht könnte ich schreien. Seine Frage ist mitfühlend und ernst gemeint und ich kann ihm die Wahrheit nur so sagen: "Beschissen!". Seine aufmunternden Worte und seine Hand auf meiner Schulter, sein Lob und Dank beschämen mich mehr als alles andere. Weil ich mich nicht fühle, als ob ich irgendetwas verdient habe.

 

Es ist spät geworden. Die Challenger hat uns abgeholt und das Quartier hier ist klein aber gemütlich. Wenn auch unpersönlich. Aber ich habe es für mich allein. Ich könnte gerade niemanden um mich herum ertragen. Das Adrenalin hat nachgelassen und eine unendliche Müdigkeit hinterlassen. Wenn ich jetzt versuche aufzustehen klappe ich zusammen und heule wie ein Kleinkind. Ich will die Augen zumachen und endlich vergessen. Nur für ein paar Stunden, das sollte doch nicht zu viel verlangt sein. Mein Bericht ist fertig. Ich habe für heute Abend alles gesagt. Keine Ahnung ob ich schlafen kann aber ich denke, es wird gehen. Für wenigstens eine Nacht. Körperliche Erschöpfung fordert ihren Tribut. Vielleicht springt das Denken morgen an, ich werde es erfahren.
Aber noch gibt es einiges zu tun. Der Krieg ist noch lange nicht vorüber, Damien ist immer noch irgendwo da draußen und völlig gleich, was ich getan habe oder nicht, dieses Ziel bleibt bestehen.
Vielleicht ist es zu leicht vom hohen Roß herab zu urteilen. Wenn man noch nie etwas falsch gemacht hat ist es einfach, alles richtig zu machen. Vielleicht muß man einmal im Dreck gelandet sein, damit es sinnvoll wird sich zu erheben und aufrecht weiter zu machen. Weil es schwer ist, sich nicht gehen zu lassen. Ich glaube, ich habe gerade einen ziemlichen Sinkflug hinter mir. Ich werde sehen, ob das eine Bruchlandung mit irreparablen Schäden gibt oder ob ich den Vogel nochmal hochziehen kann.

 

Morgen erstatte ich Meldung.