Columbia Mission 32.5
Sternzeit 23850706.194

(13.-14.8.2016)

 

Persönliches Tagebuch

Keira Valeris, Crewman I Grade, Abteilung Wissenschaften und Medizin


 

 

Oh, das hier ist privat, das ist so was von privat! Nur für den Fall, daß nochmal ein Staatsanwalt auf die Idee kommt, in meinen Logfiles zu stöbern, die peinlichsten Ergüsse herauszufischen, um damit einer Vorgesetzten, die zufällig auf der Anklagebank hockt einen Strick zu drehen. Et merde!!! Ich bin immer noch so wütend, daß ich Plutonium kotzen könnte!


Monsieur le procureur général, ceci est privé! Veuillez respecter!


Ich dachte, ich müsse vor Verlegenheit mitsamt Stuhl im Boden der Raumstation versinken. Das wird mir eine Lehre sein. Ich hätte doch niemals damit gerechnet, daß ausgerechnet meine Berichte, die ich unvorsichigerweise offensichtlich nicht ausreichend mit einem fetten PRIVAT! gesichert habe, aus dem Zusammenhang gerissen und genüßlich zitiert werden....von einem Staatsanwalt, der besser als Skandaljournalist Karriere gemacht hätte, so gerne wie er in privater Schnutzwäsche wühlt. Und wozu das Ganze? Abgesehen davon, daß es lächerlich war, Commander Javert die Schuld an Gilmores Verletzung  in die Schuhe schieben zu wollen, es war billig und schändlich, meine Formulierungen zur Abschreckung öffentlich vorzulesen.


Ich kann nur von Glück sagen, daß weder Richter noch Beisitzer das Gegeifere des Staatsanwalts sonderlich ernst genommen haben und ihn mehrfach zur Ordnung gerufen haben. Das ändert aber nichts daran, daß es sich für mich anfühlt, als habe jemand mein Innerstes nach außen gekehrt. Es ist peinlich, es gefällt mir nicht und ich könnte immer noch vor Verlegenheit rot anlaufen, wenn ich nur daran denke.


Das war das letzte Mal, daß ich es versäumt habe, meine Berichte entsprechend  zu sichern. Aus Schaden wird man klug. Himmel, ich muß Sanders bei Gelegenheit daran erinnern, mich niemals wieder so mit Medikamenten abzufüllen. Die zwei Tage, die ich nach der Aktion quasi im Koma gelegen habe haben den Leuten gereicht, meine Einträge  zu sezieren.


Andererseits – was hätte er denn sonst tun sollen?


Allez vous faire foutre....ok, ok....beruhig Dich mal wieder. Abgesehen von Deinen verletzten Gefühlen ist kein Schaden entstanden. Comm...ach Mann,...Lieutenant Javert ist mit einem blauen Auge davongekommen, auch wenn ich mir sicher bin, daß sie das blaue Auge sehr schmerzhaft empfindet. Es wird sicher einige Zeit dauern, bis sie das Ganze mit einem gewissen Abstand betrachten kann. Mir war klar, daß es auf keinen Fall eine Belobigung hageln würde, die Strafe hätte aber auch ganz anders ausfallen können.


Und ob wir mit unserer Aktion letztendlich Geschichte schreiben werden oder nicht – das wird erst die Zeit zeigen.


In einem alten Buch habe ich einmal gelesen, daß die großen Wendepunkte der Geschichte erst im Nachhinein als Wendepunkte oder Zeit der Veränderung sichtbar werden. Die großen Ereignisse werden von denjenigen, die daran teilhaben nicht als groß oder bedeutungsvoll empfunden. Umgekehrt können Momente, die für einen selbst als schicksalsträchtig gelten im allgemeinen Geschehen völlig untergehen und  in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.


Am Tag als die Bastille gestümt wurde – und ich werde mich jetzt nicht darüber auslassen, was da wirklich passiert ist, das ist hinreichend bekannt – schrieb Seine Majestät Louis XVI abends  in sein Tagebuch: "Rien" – Nichts – und meinte damit die Jagdausbeute des Tages.


Wer weiß ob in hundert Jahren, wenn die Geschichte über den Verlauf des Konflikts zwischen Sternenflotte und Xartack berichtet irgendwo stehen wird: "Commander Javerts Entschluß, sich über die Beschlüsse der Admiralität hinwegzusetzen und eigenmächtig mit der USS Columbia einen Erstkontakt mit den Xartack durchzuführen erwies sich als ein Wendepunkt in dem lang währenden Konflikt."


Und wer weiß jetzt schon, ob dieser Wendepunkt zum Guten oder zum Schlechten führen wird? Noch fühlt es sich gut und richtig an aber weiteres wird erst die Zeit weisen.


Vielleicht wird das, was uns so bedeutsam erschien auch noch nicht einmal eine Fußnote wert sein...


Sicher, wir haben gefeiert. Wir haben das vergleichsweise milde Urteil gefeiert, das Lieutenant Javert dennoch schmerzhaft trifft. Wir haben gemeinsam den Staatsanwalt gehaßt, Wynters und Gilmores Äußerungen applaudiert. Die beiden haben sich weitaus eleganter aus der Affaire gezogen als ich. Gut – deren Berichte wurden auch nicht vorgelesen...ich gebe zu, das hat mich völlig aus dem Konzept gebracht, ich hatte mit allem möglichen gerechnet, aber damit nicht.


Counselor Campbell war in einer ähnlichen Situation. Bei Gelegenheit muß ich mit ihr reden. Wie soll man es schaffen, ruhig, eloquent und sachlich zu bleiben, wenn man dem Staatsanwalt am liebsten eine reinhauen möchte? Ich gebe auch zu, daß sie den Blick, mit dem man eine Autoritätsperson zur Kakerlake degradiert weitaus besser beherrscht als ich. Als Counselor darf man so etwas vielleicht. Als Crewman sicher nicht.


Als Crewman darf man auch nicht tun, was der Captain getan hat...den Staatsanwalt hörbar als "Sesselpupser" zu bezeichnen war gewiß nicht das Klügste, was Gallagher jemals getan hat.


Aber wenn man Offizier ist hat man auf der Leiter nach unten offensichtlich etwas mehr Spielraum als als Crewman. Vielleicht ist allein diese Tatsache erstrebenswert...ich sollte auf Sanders hören und die Sache mit der Medizin und der damit verbundenen Offizierslaufbahn als Arzt vielleicht doch etwas ernster nehmen.


Mittlerweile wissen wir, daß Lieutenant Javert auf die Columbia zurückkommen wird und das fühlt sich trotz allem sehr gut an. Als wären ein paar Dinge wieder an ihren richtigen Platz gerückt worden.


"Now a victory it can be called, the peace is ready to be restored, why don't we simply shout a Hallelujah?"


Nein, nach Jubelgeschrei fühlt es sich nicht an. Der Preis war hoch, der Ausgang ungewiß. Am Schlimmsten sind die Zweifel – nicht die Zweifel, daß es im Kern richtig war, was wir getan haben und ich schließe mich selbst nicht davon aus – am Schlimmsten ist dieses Wissen, daß wir einmal widerrechtlich gehandelt haben...und daß wir absolut in der Lage wären, es jederzeit wieder zu tun. Aus moralischer Entrüstung, aus Besserwisserei, aus Arroganz?  Der Grat ist so verdammt schmal und wir verlieren so leicht den Halt. Wer weiß, aus welchen Gründen wir das nächste Mal beschließen, die Regeln zu verletzen...und das macht mir auf unbestimmte Weise Angst.


Dieses Gericht hat es geschafft, eine Spur von Zweifel an der Richtigkeit unseres Tuns  zu säen und dafür verabscheue ich es...


Aber es hat mich auch gelehrt, daß bei einer kleinen Crew auch der unbedeutendste Crewman nicht untergeht und in Zukunft werde ich deutlich mehr darauf achten, was als korrektes Verhalten gilt. Es ist schon bezeichnend, daß nur ein einziger Offizier der Columbia in seinem Bericht korrekterweise gegen Javerts Verhalten protestiert hat. Natürlich, ich kann selbst nachlesen, warum ich mich geweigert habe aber mit etwas Abstand hat die Euphorie nachgelassen und Nachdenklichkeit ist geblieben. Ich will nicht, daß diese Nachdenklichkeit kippt, sauer wird und zu Reue wird. Es wird Zeit, weiteren Aufgaben ins Auge  zu sehen.


Nur noch wenige Tage, dann hat Javert ihre Haftstrafe endgültig abgesessen und wir können endlich weiter.


Ich muß die Rezeptur in den Replikatoren was Milchkaffee und Croissants angeht deutlich verfeinern. Das Bisherige kann man höchstens solchen Leuten vorsetzen, deren Gene nachgewiesenermaßen ein schweres Defizit in puncto Geschmacksnerven aufweisen. Will heißen Menschen mit amerikanischen, englischen oder irischen Wurzeln.

 

Sorry, Mum.