Persönliches (wirklich persönliches) Logbuch von Lt. Javert
Sternzeit 23850706.194

 

[ Das Logfile ist wie immer natürlich nicht IT für die Crew einzusehen ]

 

Die Verhandlung ist vorüber, der darauf folgende gemeinsame Abend mit der Crew leider ebenso, und ich bin wieder zurück im Einzel-Arrest-Quartier auf der Starbase Omega um die letzte Woche der Haftstrafe abzusitzen. Im Vergleich zu den vergangenen sieben Wochen Haft wird diese schnell vorüber und leicht zu nehmen sein...
Die vergangenen Wochen waren wirklich nicht einfach (sollten sie auch nicht sein), ich bin nicht gut im Warten. Die Unsicherheit, Anspannung, Einsamkeit haben mir gegen Ende die Decke auf den Kopf fallen, die Wände immer näher kommen und mich an so einigem zweifeln lassen. Lektüren klingonischer Philosophie, sportliche Übungen, vulkanische Meditation und der schriftliche Austausch mit Chaz, Valeris, Campbell und Greg haben für etwas Abwechslung gesorgt und die Zeit verkürzt, aber ich brauche eben ein Ziel, eine Aufgabe, eine Richtung – und ein Zuhause.

 

All das werde ich nun bald wieder haben! Ich weiß wohin ich in einer Woche gehe, wohin ich gehöre! Auf mein Schiff, zu meiner Crew.

Allein das so geschrieben zu sehen bringt mich zum lächeln. Ich freue mich, endlich wieder an den Ort, auf die Position zu kommen, wo ich hingehöre: Chief of Security auf der USS Columbia. Ich kann mir denken dass Kenneth ein paar Überredungskünste ausgepackt und ein paar Gefallen eingefordert hat um die Admiralität zu überzeugen, eine frisch verurteilte und degradierte Offizierin auf dem Posten des CoS zuzulassen – auf just dem Schiff das sie zuvor noch unrechtmässig requiriert hat. Wenn Staatsanwalt Lehmann das hört wird er vermutlich sein PADD essen. Soll er. Was für ein unangenehmer Mensch!

Die Verhandlung vor dem JAG-Gericht hatte durchaus ihre Höhen und Tiefen. Ich war sehr nervös zu Beginn... Zwar gab es in meiner Karriere bereits zweimal das Damoklesschwert einer Anklage (Die getötete romulanische Sklavin und die Sache mit Sean – beides Vorfälle die mich noch immer nicht ganz loslassen), aber in beiden Fällen wurde die Anklage wegen der Umstände der Geschehnisse fallen gelassen bevor es wirklich ernst wurde.
Nervosität also. Und dann dieser Staatsanwalt. Man musste kein Betazoid sein (nicht mal Halber) um zu spüren, dass der Mann auf einem selbstgerechten Feldzug für die Regularien daselbst war und sich zum Ziel gesetzt zu haben schien, alle nicht geahndeten Verfehlungen berühmter Raumschiffkapitäne auf meine noch zu schreibende Rechnung zu setzen.
Was fällt dem Mann eigentlich ein, mich mit diesem Röcke jagenden Weltraumcowboy Kirk zu vergleichen?? Oder mir zu unterstellen ich hätte die Regularien zuvor nur aus Eigennutz befolgt? Ist vierfache Reanimation oder der unfreiwillige Wechsel aus der Abteilung an der mein Herz hängt Eigennutz? Hat der Mann eigentlich mal meine Dienstakte gelesen? Mein Blutdruck steigt noch immer bei dem Gedanken an die zusammenphantasierten Frechheiten die dieser Korinthenkacker von sich gegeben hat.
Ein Glück gab es zum Einen den Richter der ihn eingebremst hat, zum Anderen die Crew, die sich durch ihn nicht hat provozieren lassen und mitunter mit bewundernswert glatten Aussagen brilliert hat (vor allem Gilmore und Chaz... was musste ich an mich halten nicht zu breit zu grinsen!) und Greg – Captain Hunter – meinen Verteidiger und Ruhepol, der mich vor zu viel Emotionalität und Aufregung bewahrt und sicher durch die Verhandlung geführt hat.

Und das Ergebnis? Verurteilt. Degradiert. Ich bin unschlüssig und zwiegespalten wie ich mich diesbezüglich fühlen soll. Ich wusste dass die Befehlsverweigerung Konsequenzen haben würde, ich habe es einkalkuliert. Abgesehen von Staatsanwalt Captain „Sesselpupser“ Lehmann scheint aber niemand vorgehabt zu haben, mir einen zu dicken Strick daraus zu drehen. Der Richter, Admiral von Savigny und seine beiden Beisitzer, Captain Sokolov und Commander Kwent, waren sehr fair und objektiv, anders kann man es nicht sagen. Die übersteigerten Anklagepunkte des Staatsanwaltes, wischten sie recht schnell vom Tisch und übrig blieben, fachlich und sachlich nicht von der Hand zu weisen, die Befehlsverweigerung, die Entwendung des Schiffes, das somit unrechtmässige durchqueren des Raumes etc. Alles Punkte die ich ja auch nie bestritten habe. Meine Berufung auf die zweite und zehnte Direktive dürften auch mildernd gewirkt haben, so dass am Schluss eine Degradierung um zwei Ränge, die Suspendierung vom Posten des Sector Chief, eine Haftstrafe von 8 Wochen (wobei die Haft vor der Verhandlung angerechnet wurde) sowie eine Beförderungssperre von 18 Monaten übrig geblieben ist – der Staatsanwalt hatte fast schon selbstredend den kompletten Entzug des Offizierspatents gefordert.
Rein buchhalterisch gesehen, alle Regeln und Paragraphen treu befolgt, sind die Strafen also das Beste zu erwartende Ergebnis.
(Interessanterweise wurde mir nach der Verhandlung von Einigen zum Urteil gratuliert.)

 

Nur – war es wirklich das Beste zu erwartende Ergebnis?
Was wir erreicht haben, dort bei den Xartack… Die Option einer friedlichen Lösung im Sektor. Die Tatsache dass die Admiralität mit ihrer Entscheidung, mir die Mission zu verwehren, schlicht falsch lag… Dass sie meiner Erfahrung und meinem Urteil nicht getraut haben. Der Imperativ das moralisch einfach Richtige zu tun gemäß der Direktiven, all dies hat vor Gericht keine Rolle gespielt. Es wurde nicht einmal erwähnt.
Ich habe weiß Gott keine Orden oder Straffreiheit erwartet. Nur… irgendetwas, das mir gezeigt hätte, dass die Sternenflotte anerkennt was wir geleistet haben. Was wir riskiert haben.
Aber da kam nichts. Und was soll ich nun daraus machen?
Ich weiß es heute noch nicht. Und ich denke ich werde es auch in dieser Woche nicht entscheiden was ich davon halten will.

 

Ich bin gespannt was diese Verhandlung noch so nach sich ziehen wird.
Zum einen fürchte ich, dass Kenneth in seiner bisher makellosen Dienstakte auch bald einen kleinen Fleck wiederfinden wird – ich war verwundert dass ausgerechnet er sich dazu hat hinreißen lassen, den Staatsanwalt in dessen Hörweite als Sesselpupser zu bezeichnen. Nicht dass ich (oder irgendwer) ihm in dem Punkt widersprechen würde, der Mann war noch nie auf einem Schiff stationiert und glaubt,  be- und verurteilen zu können was dort draussen geschieht? Chaz hat seine Verachtung dennoch deutlich eleganter zum Ausdruck gebracht.
Zum Anderen haben Lt. Linnert und Loughlin in der Verhandlung ebenfalls etwas zu deutlich gezeigt dass sie zwar im Herzen Idealisten sind und den Direktiven moralisch jederzeit bedingungslos folgen, aber für Führungs-Offiziers-Posten doch die Regularien nicht ganz gut genug verinnerlicht haben. Da die Columbia aufgrund jüngerer Historie nun vermutlich etwas genauer unter Beobachtung stehen wird musste Kenneth dahingehend leichte Umstrukturierungen vornehmen – ich denke aber, dass diese sowohl den Beiden als auch der Crew nicht schaden werden. Jeder kommt auf den Posten wo er sich am besten einbringen kann und sich auch wohl fühlt! Das ist etwas Gutes, wenn auch ebenfalls mit leicht schalem Beigeschmack.

 

Ich denke ein Moment aus der Verhandlung den ich mir in Erinnerung behalten sollte ist der Moment als der Staatsanwalt das Zitat aus meinem Briefwechsel mit Councelor Campbell vortrug um mir Doppelzüngigkeit vorzuwerfen und welches mir stattdessen ein anerkennendes Nicken des Richters einbrachte:

 

„Einzelne Personen können korrumpiert werden. Einzelne Personen können Fehler machen (und machen sie unweigerlich denn niemand ist perfekt). Einzelne Personen können arrogant der fehlerhaften Meinung sein, die Ideale zu definieren, ihnen gleich zu stehen oder gar über ihnen…
Aber ein moralischer Kodex, wahre Ideale, grundsätzliche Regeln für alle, die von vielen ausgearbeitet, immer wieder geprüft und hinterfragt wurden und sich über viele Jahre hinweg bewährt haben, so wie die Direktiven der Föderation, die Regularien der Sternenflotte, die Gesetze der Robotik oder die zehn Gebote aus der christlichen Religion der Erde, stehen über der einzelnen Person. Diese sind es denen wir nacheifern können und sollten; Unsere Richtlinien, unsere Polarsterne, an denen wir unser Handeln und unsere Integrität jeden Tag aufs Neue ausrichten und messen können und müssen. Wir dürfen uns niemals einbilden es besser wissen zu können, besser sein zu können als unsere Ideale, denn in diesem Moment haben wir sie verfehlt und unweigerlich verloren.“

 

Hallelujah.
Ende Personal Log.