Columbia Mission 30
Sternzeit 21.08./23.08.2015

Persönliches Tagebuch

Keira Valeris, Crewman II Grade, Abteilung Wissenschaften und Medizin


 

Sternzeit 23841102 - 1104

 

OT: Bitte nicht vergessen, daß dies kein objektiver Missionsbericht ist sondern ein höchst subjektives Tagebuch, sowohl was die Ereignisse als auch was die Eindrücke betrifft, die der SC von anderen SC bekommen hat ;-). Trotzdem viel Vergnügen beim Lesen.






Ich kann es einfach nicht fassen. Das nimmt allmählich absurde Züge an. Da lasse ich mich schon zur Sanitäterin ausbilden und jedes Mal, wenn ein Teil der Crew in richtige Schwierigkeiten gerät kann ich mir sicher sein, daß Dr. Sanders sich am einen Ende der Probleme befindet und ich am anderen.

 

Ich habe selten etwas Ähnliches wie die letzten Tage erlebt. Ein derartiger Streßfaktor unter solch unmöglichen Bedingungen kann nicht gesund sein. Ach, was rede ich da...Ich bin einfach nur froh, noch am Leben zu sein. Froh, daß die anderen am Leben sind. Froh, daß die Columbia noch fliegt und die Crew weitestgehend wohlauf ist.

 

Ich sehe es als eine Art therapeutische Maßnahme an, mich noch einmal mit den Ereignissen zu beschäftigen, auch wenn ich mich am liebsten mit romulanischem Ale vollschütten würde, um möglichst zu verdrängen. Doch ich kann Counselor Campbell bis hierhin hören. "Stellen Sie sich ihren Problemen", würde sie sagen. "Davonlaufen hilft nicht.", würde sie sagen.

 

Es passierte in den frühen Morgenstunden. Die Nachtschicht hatte Dienst und ich war noch mit einigen durchlaufenden Proben im wissenschaftlichen Labor beschäftigt. Ich hatte mir gerade den fünften Kaffee besorgt als es plötzlich dunkel wurde auf der Columbia. In derselben Sekunde plärrte der Alarm, nur um dann ebenfalls das Zeitliche  zu segnen. Ich will gar nicht wissen, was auf den anderen Stationen geschah.

 

[Nachtrag: Wie sich herausstellte, wurden auf der OPS gerade noch ein paar Sensorspitzen registriert, ehe sämtliche Systeme buchstäblich den Geist aufgaben. Später sollte sich zeigen, daß ein heftiger Energieimpuls von dem Planeten, den die Columbia gerade passierte ausging und mitten auf unser Schiff traf, das daraufhin alle Segel strich. Jedes System wurde komplett lahmgelegt. Lebenserhaltung, Computer, Kommunikation, das Schutzfeld um den Warpkern drohte  zu kollabieren. Techniker und Sicherheit versuchten alles, um die Lage  in den Griff zu bekommen, aber gleich darauf wurde die dahintreibende Columbia von einem  Gesteinsbrocken aus dem Gürtel des Planeten gestreift, den wir gerade passierten und dem Captain blieb nichts anderes übrig, als allen Mann zu befehlen, das Schiff auf der Stelle mit den Rettungskapseln zu verlassen da die Lage unkontrollierbar war und aussichtlos zu werden drohte.]

 

Eine ordentliche Erschütterung traf das Schiff und im Wissenschaftslabor fiel alles durcheinander. Mit einem gewaltigen Knirschen verbog sich die Tür und ich saß erst einmal im Labor fest. Es war dunkel, wurde schnell kalt und Rauch versperrte die klare Sicht. Ich schaffte es, mittels des Stationsphasers die Tür durchzuschweißen doch es dauerte. Ich habe keine Ahnung mehr, wie ich den Weg zu den Rettungskapseln fand, offenbar nutzen Notfallübungen doch etwas. Die Crew hatte größtenteil das Schiff schon verlassen...doch mit mir taumelten auch noch einige andere Crewmitglieder die Gänge entlang, die sich aus den einen oder anderen Gründen ebenfalls nicht sofort hatten zu den Kapseln begeben können.

Counselor Campbell, Funk und ich trafen zusammen, Wynter schleifte den Captain mit sich, der aus einer Kopfwunde blutete und nur halb bei Besinnung war. Wir betraten die Rettungskaspel, nur um festzustellen, daß der Abwurfmechanismus nicht funktionierte. Und da saßen wir nun fest. Auf einem Schiff ohne Lebenserhaltung, mit einem Warpkern, der zu kollabieren drohte und einem Captain, der nicht fähig war, uns  zu sagen wo  es langgeht. Ich habe mich selten so verloren gefühlt. Doch ungeachtet aller Tatsachen mußte der Captain notversorgt werden – was in meinen Aufgabenbereich fiel und die Counselor, Funk und Wynter verschwanden um zu sehen, ob sie irgendetwas für die Systeme des Schiffes  tun könnten.

 

Ich war hinreichend damit beschäftigt, Captain Gallagher zu stabilisieren. Leider reichte es nicht für mehr und ich war gezwungen, ihn in eine Bewußtlosigkeit zu legen, um seinen Zustand nicht  zu verschlimmern. In solchen Situationen merkt man immer erst, wie viel Wissen einem noch fehlt.

 

Wider jede Erwartung explodierte das Schiff nicht.

 

Ich habe keine Ahnung, was die anderen gemacht haben oder ob es einfach nur schieres Glück war, doch es gelang, die Lebenserhaltung notdürftig wieder zu etablieren und auch das Schutzfeld  um den Warpkern stabilisierte sich.
Anschließend hielten wir Kriegsrat.
Ohne den Captain lag das Kommando bei Counselor Campbell und auch wenn sie sich bemühte einen gefaßten Eindruck zu vermitteln  weiß ich doch, daß sie vor Sorge um die Crew schier umkam.
Wie ich auch.
Wynter...nun ja...Wynter dampfte in stillem Zorn vor sich hin.
Allein die Tatsache, daß wir immer noch nicht außer Gefahr waren und unsere Lage denkbar schlecht war half uns, die Fassung  nicht  zu verlieren.
Wir stürzten uns auf die Arbeit, oberste Priorität hatte das Errichten der Kommunikation, um einen Notruf absenden zu können und die Crewmitglieder der Columbia kontaktieren zu können, die hoffentlich alle wohlauf auf dem Planeten gelandet waren.
Doch ich erinnerte mich vage, daß der Planet die Konditionen für M-Klasse nicht ganz erfüllte, soviel hatte ich von einem Blick auf die sensorischen Daten der Wissenschaft noch mitbekommen. Da jetzt alles lahmlag half es aber nicht viel, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.
Die Sorge  um den Captain hielt mich aktiv und es blieb an uns – Himmel, ausgerechnet an uns – die Technik des Schiffes notdürftig wieder herzustellen.
Immer wieder wurde die Columbia von Asteroiden gestreift. Ich erinnere mich an einen unschönen Moment, als die künstliche Schwerkraft des Schiffes versagte und gerade wieder einsetzte als wir...ach egal. Ein Schlag mehr oder weniger auf den Kopf – allmählich sollte ich mich daran gewöhnt haben.

 

Die nächsten Stunden vergingen für uns wie ein Alptraum. Wir krochen mit den technischen Handbüchern, die dick waren wie das Erwerbsregelbuch der Ferengi durch unendliche dunkle Gänge, umgeben von Rauch und Dunkelheit, versuchten, Plasmaleitungen und Kabeln zu folgen, die sich bis  in die aschgraue Unendlichkeit der Innereien des Schiffes wanden und zerbrachen uns die Köpfe über Verschaltungen aus denen nicht einmal ein Binärwesen hätte schlau werden können.

 

Anmerkung: Hat der Captain eigentlich eine Ahnung, was Chief Benz und der gesamte Technikerstab treiben, wenn sie das Schiff "warten"? Weiß er, daß – vergleicht man den gegenwärtigen Zustand der Columbia mit dem Handbuch – NICHT EIN EINZIGES TEIL sich dort befindet, wo es sich befinden sollte? Wir bekamen in regelmäßigen Abständen Schnappatmung...und es ist nur gerecht, wenn die Techniker, wenn wir sie wiederbekommen, ebenfalls Schnappatmung bekommen, wenn sie sehen, was wir mit ihren Konstrukten angestellt haben. Ich sage nur, es ist erstaunlich, was Panzertape alles vermag. Dennoch werde ich eine Beschwerde beim Captain einlegen und darauf bestehen, daß er die Technik anweist, ein neues Handbuch herauszubringen, mit allen Neuerungen, die sie eingeführt haben und das immer auf den neuesten Stand  zu halten ist.
Ich bin gespannt wie sie das Ding hinter der Abdeckung in Sektion 35 erklären...aber vielleicht hab ich da  auch nur ein Teil für ein anderes gehalten...irgendwann sieht einfach alles gleich aus...und vielleicht war es ja gar keinen Distille...

 

Es gelang uns wie durch ein Wunder, die Kommunikation zu etablieren und ein Notsignal zu entsenden. Unsere Erleichterung war unendlich, als sich die USS Aquitania sehr bald meldete und ihren Kurs änderte, um uns  zu Hilfe  zu kommen. Wir kontaktierten die Crewmitglieder der Columbia und tatsächlich waren alle wohlauf, auch wenn sie sich nicht den besten Planeten zum Notlanden ausgesucht hatten.

 

[Nachtrag: Die Crew landete mit ihren Rettungskapseln getrennt und hatte mit eigenen Problemen zu kämpfen. Drake, Reynolds und Gilmore strandeten gemeinsam, wobei Gilmore bei der unsanften Landung ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt, das sich später als lebensgefährlicher Zustand mit subduraler Einblutung herausstellte. Bis sie es schafften ihre Kommunikatoren einzustellen war er bereits ins Koma gedriftet und nur der Kontakt  zu Dr. Sanders verhinderte seinen Exitus. Sanders wiederum war mit der neuen medizinischen Assistentin, einer Bajoranerin namens Alenis Kendra, und Kadett Ionescu so unglücklich gelandet, daß die Kapsel auf der Tür lag und mußte improvisieren, um sich daraus zu befreien. McCullen, O'Connor, McPherson und T'Kadra sahen sich – kaum daß sie ihre Kapsel verlassen hatten, dem Angriff menschlicher Wesen ausgesetzt, die sie ohne Vorwarnung äußerst aggressiv angriffen und dabei mehr tierisches, als menschliches Verhalten erkennen ließen obwohl sie wie verwahrloste Menschen aussahen.

 

Die Crewmitglieder fanden sich irgendwann dennoch zusammen und errichteten aus dem Notfallequipment der Kapseln ein provisorisches Lager.

 

Schon kurze Zeit später bekamen sie Besuch von den Siedlern. Da ich nicht dabei war ist es mir hier nur möglich einen Abriß der Ereignisse und der gesammelten Erkenntnisse  zu liefern, so wie ich sie den gesammelten Erzählungen und Berichten der Crew entnehmen kann.]

 

Zusammenfassung:
Kurz vor Beginn des Krieges mit dem Doninion startete die USS Roanoke mit gut 2000 Mann an Bord, Sternenflottenangehörigen, Wissenschaftlern und Siedlern, um einen noch nicht ganz als Klasse M klassifizierten Planeten mit Hilfe des Terraformings und der nötigen Technik tektonisch zu stabilisieren und für die endgültige Kolonialisierung vorzubereiten.

 

Die Roanoke hatte das Pech, einem der ersten Schiffe des Dominions in die Quere  zu kommen und wurde über einem anderen Planeten abgeschossen, der Crew gelang eine Notlandung mitsamt dem Schiff auf einer großen Insel. Leider wurde der Vorfall in den folgenden Kriegswirren als Verlust zu den Akten gelegt und niemand suchte mehr nach Überlebenden.

 

Die Mannschaft der Roanoke machte das Beste aus der Situation – doch leider kam ihnen eine Eigenart des Planeten dazwischen. Alles Lebende auf dem Planeten sendete Botenstoffe aus, harmlos für die Tier- und Pflanzenwelt, gefährlich für den Menschen. Die Botenstoffe galten zunächst als unbedenklich. Mit dem Eintritt der Roanoke in die Atmosphäre verbanden sich diese Botenstoffe mit eingeschlepptem Fremdmaterial und es kam zu einer Kreuzreaktion, die auf das menschliche Gehirn ungeahnte Auswirkungen hatte.

 

Als erstes mußten die Siedler feststellen, daß sie ihre Emotionen weitaus weniger im Griff hatten als bisher und wem es nicht gelang, seine Emotionen zu bändigen machte eine starke Verhaltensstörung und irgendwann auch körperliche Mutation durch und mutierte  zu einer reißenden Bestie ohne einen Rest von Menschlichkeit. Diese sogenannten „Ferals“, wie sie bald getauft wurden besaßen eine Art menschlicher Intelligenz, verhielten sich aber wie Killermaschinen.
Äußerlich sahen sie weitestgehend wie Menschen aus, aber ihr Verhalten glich dem von jagenden Ungeheuern.

 

Leider waren die körperlichen Veränderungen auch derart, daß die Ferals sich schneller vermehrten als Menschen und die ursprünglichen Siedler, die  zu Ferals geworden waren waren  zu einer großen Population geworden.

 

Sie haben das Potential, jeden Menschen anzustecken – durch ihre bloße Anwesenheit. Unter keinen Umständen dürfen diese Kreaturen die Insel oder gar den Planeten verlassen.

 

Rettung gab es für die Siedler ihren Erkenntnissen nach keine. Die Mutationen waren  zu stark und  zu weit fortgeschritten als sie die Zusammenhänge erkannten.

 

Anmerkung: → Bei jenen der Columbia, die nur kurz dem Planeten ausgesetzt waren konnte die Medizin zu einem späteren Zeitpunkt eine Möglichkeit finden, die paar Veränderungen rückgängig zu machen sofern niemand den Mutagenen länger als 72 Stunden ausgesetzt war. Heilung erwies sich im frühen Stadium als unproblematisch...zumindest unter der Voraussetzung, eine anständige medizinische Abteilung  zur Verfügung  zu haben, was eine baldige Rückkehr auf die Columbia zwingend notwendig machte.
Eine Impfung  zu entwickeln oder gar ein Heilungsmittel für die langfristig Veränderten zu finden wäre eine Aufgabe für 20 Spezialisten und würde wohl jahrelange Forschungsarbeit mit riesigem Budget erfordern – ohne gesichertes positives Ergebnis.

 

Die Siedler sahen sich also zunächst mit dem Problem konfrontiert, von ihren eigenen Leuten angegriffen zu werden. Sehr viele starben innerhalb der ersten Wochen. Daraufhin etablierten die Überlebenden einen strengen Verhaltenskodex. Ränge galten nur noch wenig, emotionale Ausgeglichenheit und Stabilität wurden zu den wichtigsten Faktoren, um Führen zu können. Die Maßstäbe der Flotte wurden den Umständen angepaßt mittlerweile gab es nur noch die Ränge „First, Second, Third etc...“ in absteigender Reihenfolge.
Oberste Priorität hatte der Schutz des eigenen Volkes, d.h. der Menschheit.
Jeder war verpflichtet, darauf aufmerksam zu machen, wenn seine Kontrolle nachläßt und es war die Pflicht eines jeden Untergebenen, den im Rang vor ihm Stehenden zu beobachten und im Bedarfsfall schnell zu töten, ehe er sich verwandelt.
Da das Töten von Mitbürgern – auch wenn es als Rettung verstanden wurde - eine weitere starke emotionale Belastung darstellt kann man sich vorstellen, daß jeder versuchte, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen aber, falls es nötig wurde, schnell und effektiv handelte.

 

Anmerkung: Der erste Kontakt mit den Abgestürzten der Columbia und den Siedlern genügte, um den "First" der Siedlergruppe über die kritische Schwelle zu treiben. Kurz bevor das geschah, tötete ihn sein eigener Second mit einem Messer und übernahm die Führung. Natürlich schockierte dieser offenkundlich kaltblütige Mord zunächst die Anwesenden der Columbia und es bedurfte der ganzen Überzeugungskraft des Second, um ihnen klar zu machen, daß das die einzige Möglichkeit darstellte, den First nicht der grauenvollen Umwandlung auszusetzen und sie alle  in Gefahr  zu bringen – denn Angst vor einem Feral würde eventuell weitere von ihnen über die Schwelle bringen.
Zunächst reagierten die Crewmitgliedern mit Mißtrauen, sie erwarteten, daß hinter der Geschichte mehr steckte und vermuteten, daß die Siedler mit ihnen etwas ganz anderes vorhätten. Erst der Fund des Tagebuchs des ehemaligen Captains der USS Roanoke räumte die letzten Zweifel an der Geschichte der Siedler aus und machte ihnen klar, was geschehen war und was kommen würde.
Denn es fanden sich auch Hinweise auf das, was die Siedler weiterhin antrieb und was sie sich als finalen Lösungsweg hatten einfallen lassen.

Ihre Situation muß absolut unerträglich geworden sein. Ein Wunder, daß sie es zehn Jahre lang ausgehalten hatten...

 

Die Siedler versuchten zunächst ganz allgemein so gut wie möglich mit der Situation fertig zu werden. Daher versuchte man auch Freundschaften aus dem Weg zu gehen, Liebesbeziehungen waren ganz und gar ausgeschlossen und jeder versuchte, sich möglichst in sich selbst zurückzuziehen und lediglich gemeinsam an einem großen Ziel zu arbeiten.

 

Das System wurde aus reiner Not erfunden, unter den Crewmitgliedern befanden sich ein Klingone und ein paar wenige Vulkanier.
Interessanterweise waren die Vulkanier den überschwappenden Emotionen hilflos ausgesetzt und der Klingone kam besser damit klar, weil das wohl etwas ist, mit dem er ständig klarkommen mußte. Er nannte es "auf der Welle des Zorns reiten".
Er half den Siedlern, ihre Emotionen nicht ausufern zu lassen.

 

Anmerkung: T'Kadra und McPherson hielten sich tapfer, doch auch ihnen war eine latente gewisse Gereiztheit anzumerken. Reynolds stand unter starker Belastung und von ihm wurde als höchstrangigem Offizier die Führung erwartet. Es wäre wohl zuviel verlangt gewesen, auf der Stelle das Führungssystem der Siedler zu übernehmen.

 

Leider wußte mittlerweile jeder, daß emotionale Kontrolle nur auf Zeit funktioniert.
Die Siedler waren mittlerweile so lange dem Planeten ausgesetzt, daß sich ihre Gehirnstruktur geändert hatte, unwiderruflich.
Die Siedler waren nicht mehr ganz menschlich, in ihnen lauerte die Bestie und sie konnte bei der kleinsten Provokation oder Unausgeglichenheit zum Vorschein kommen und dann war es vorbei. Die Siedler lebten nur noch für Kontrolle und sie fürchteten den Tag, an dem sich ihnen, oder auch den Ferals vielleicht die Möglichkeit ergeben würde, den Planeten zu verlassen. Denn das würde bedeuten, daß eine Horde marodierender Killerbestien mit höchstem Ansteckungspotential freikäme.

 

Sie waren nicht untätig geblieben. In den fast zehn Jahren ihrer Anwesenheit waren sie  zu dem Schluß gekommen, daß ihr Tod und die Vernichtung der Insel die beste Lösung für alle wäre...damit nichts entkommen kann.

 

Wie vernichtet man eine Insel? Man setzt die übrig gebliebenen Wissenschaftler darauf an, die tektonischen Stabilisatoren so zu verändern, daß sie als eine Art Bombe nahe der unsichersten Zone platziert werden. Zu diesem Zweck diente das Höhlensystem unter dem Vulkan. Man zündet die Bombe und löst damit auf der Insel den gigantischsten Vulkanausbruch aller Zeiten aus. Das Leben dort wird auf Jahre hinaus ausgelöscht und der Himmel verdunkelt.

 

Die Bombe selbst befand sich unerreichbar in den Tiefen von Erdspalten, der Auslösemechanismus mit der Energieeinheit aber oben in den Höhlen.

 

Soeben hatte ein Team von „Spezialisten“ (das was eben so übrig war von der ursprünglichen Crew) den Auslöser in einer Höhle platziert und aktiviert...und etwas war schiefgegangen.
Die Bombe verfügte über eine langsam aufladende Energiezelle – niemand wußte genau, wann das passende Level erreicht ist.
Mehr Technik stand ihnen nicht mehr zur Verfügung.
Leider entlud sich die Energie unkontrolliert statt die Bombe  zu zünden. Und damit mußte ein neuer Ladevorgang gestartet werden und ein paar Reparaturen vorgenommen werden. Die Siedler hatten das abgeschlossen und warteten auf ein neues, hoffentlich erfolgreiches Zünden. Die Zeit lief ab...
Der vorherige unkontrollierte Energieausstoß war unglaublich, hatte alle Technik bis  in den Orbit hinein lahmgelegt...

 

...und als die Columbia gerade friedlich und nichts ahnend an dem Planeten vorbeiflog traf es sie.
Es gibt keine Zufälle im Universum.

 

Anmerkung: Nun ja, danach wissen wir ja, was auf der Columbia passierte. Und die Gestrandeten unten sahen sich mit vielen Problemen konfrontiert.

 

Die eigenen Emotionen in den Griff zu bekommen war nicht leicht und die Ferals führten einem vor Augen, was ein Kontrollverlust bedeutet...den vollständigen Verlust jeglicher Menschlichkeit.

 

Die Crewitglieder mußten sich mit den gestrandeten Siedlern und ihren Eigenarten auseinandersetzen, sie mußten ihre eigenen Emotionen kontrollieren, die Ferals machten ihnen das Leben schwer und die Siedler waren nicht erpicht darauf ihnen zu erklären, daß sie leider nicht fortkönnen, weil die Veränderungen und damit die Gefahr  zu groß ist und ganz bestimmt wollten sie ihnen nicht sagen, daß die Insel demnächst in einem gigantischen Vulkanausbruch untergehen würde und es keine Rettung gibt…unter diesen Umständen ist es ein Wunder, daß wir sie alle wiederhaben.

 

Die USS Aquitania kam rechtzeitig genug, um uns  zu helfen, die wichtigsten Systeme der Columbia neu zu starten und dann konnten wir auch die Crew kontaktieren. Bald darauf fanden die Sensoren des Schiffes die Signaturen einer Art Beamplattform – von den Siedlern errichtet, als sie noch die Hoffnung hatten, gefunden zu werden. Magnetische Interferenzen des Planeten machten ein Beamen ohne Signalverstärker unmöglich und daher war es nötig, diese Plattform zu finden und instand  zu setzen. Vermutlich hatten die Siedler selbst sie deaktiviert als ihnen klar wurde, daß sie den Planeten niemals würden verlassen können.
Ferals hatten sich in diesen Gängen eingenistet, was es nicht leicht machte, die Plattform zu reaktivieren.
Und während all der Zeit gab es noch das Problem der Bombe – sie mußte  zuerst deaktiviert werden denn sonst wären alle Fluchtversuche womöglich obsolet.

 

Die Siedler wiederum, die dort unten in den dunkelsten Abschnitten eines anderen Höhlensystems saßen, die Zündvorrichtung der Bombe bewachten und auf das Ende warteten waren einer derartigen Anspannung ausgesetzt, daß das bloße Auftauchen der Crew einige von ihnen in den Wahnsinn trieb. Andere versuchten mit der Macht der Verzweiflung standzuhalten und flehten die Crew an, ihnen wenigstens die Zündvorrichtung  zu lassen und sie nicht  zu zerstören. Ihre Angst vor der Umwandlung und dem Verlust ihrer Menschlichkeit war überwältigend. Sie wollten nur noch  das Ende und sahen ihre Opferbereitschaft der Sinnlosigkeit ausgesetzt.
Die Crewmitglieder schafften es zwar, die Bombe zu finden und die Energie ein weiteres Mal (aber diesmal kontrolliert) abzulassen, verzichteten aber darauf, die Vorrichtung vollständig zu zerstören. Immerhin erkauften sie sich damit die nötige Zeit, um fliehen zu können...doch es kostete fast alle Siedler dort unten das Leben. Die Verwandlung geschah unbarmherzig und unaufhaltsam.

 

Ich weiß nicht, wie gut die Crew die Situation dort unten verkraftet hat. Sanders stand noch unter reichlich Adrenalin als er zurückkam. Auch O'Connor wirkte wie ein Mann, der seinem eigenen Tod begegnet ist und Reynolds wirkte wie vor den Kopf geschlagen. Es kann nicht leicht sein, gezwungen zu sein, Menschen zu töten, die sich in Bestien verwandelt haben – und ob man das als eine Art Euthanasie verstehen kann und darf kann ich beim besten Willen nicht beurteilen. Dort auf dem Planeten müssen sich sehr verstörende Szenen abgespielt haben.
Counselor Campbell hatte alle Hände  voll zu tun, dabei war sie selbst vor Sorge um einige der Crewmitglieder reichlich mitgenommen. Von Wynter gar nicht  zu reden. Ich glaube er hätte sich lieber an den Zehen aufhängen lassen, als die Crew unten und sich selbst auf dem Schiff zu wissen...Und Funk war...nunja, Funk eben.
Ich persönlich kann mich über meinen Anteil an Streß und Adrenalin nicht beklagen. Das einzige, was mich aufrecht hielt war das Wissen darum, daß wir mit Sicherheit draufgehen würden, wenn es uns nicht gelingen würde, diese verfluchte Dreckstechnik des Schiffes IRGENDWIE wieder in den Griff zu bekommen.
Himmel, bin ich froh, daß die Techniker wieder da sind. Und die kommandierenden Offiziere. Und die Security...alles läuft doch bedeutend besser, wenn jeder den verflixten Teil der Arbeit tut für den er verdammt noch mal ausgebildet wurde!
Wir hatten noch etliche Stunden reichlich zu tun. Alle Crewmitglieder mußten sich einer medizinischen Behandlung unterziehen und die Techniker stürzten sich auf ihr Schiff um die Systeme wieder instand  zu setzen.

 

Als sich der Erste über das Klebeband beschwerte bin ich zugegebenermaßen ein wenig hochgegangen... Kassabyan rettete die Situation in dem er mir versicherte, wir hätten das alles ganz wunderbar gelöst.
Ich glaube ihm zwar kein einziges Wort, bin ihm aber für die moralische Unterstützung sehr dankbar. Auf jeden Fall wirkt sie besser als Crewman Gilmores notorisches Nörgeln wenn jemand anders als er an der Technik des Schiffes herumpfu...werkelt – ist mir egal – ich will nie wieder im Leben eine Plasmaleitung sehen!

 

Mein Dank gilt der USS Aquitania. Ohne sie hätten unsere Crewmitglieder nicht rechtzeitig genug auf die Columbia zurückbeamen können.

 

Funk nahm die Situation zum Anlaß um den Captain darum zu bitten eine Eingabe an die Sternenflottenführung  zu machen, die Suche nach Vermißten aus dem Dominionkrieg noch einmal mit verstärkter Intensität aufzunehmen, bei allen Schiffen zu überprüfen ob ihre Routen an bewohnbaren Planeten vorbeigeführt hatten und ob die vage Möglichkeit bestand, daß irgendjemand überlebt hat. Auch die Standorte bekannter cardassianischer Gefängnisse sollten nochmals überprüft werden.
Funk ging das Ganze sehr  zu Herzen – endlich entlockte ihm einmal etwas eine Reaktion, die über ein Heben der Augenbrauen hinausging -  und ja, wenn wir es nur schaffen einen weiteren zu retten, dann hätte der Aufwand sich gelohnt.
Der Captain ging damit konform und so gehe ich davon aus, daß alle Schiffe bald entsprechende Order auf ihren Reiserouten bekommen werden.


Niemand sollte einfach vergessen werden.

Doktor Sanders hat sehr interessante Ergebnisse über die Ferals mitgebracht, die mich in meiner Eigenschaft als Biologin sehr faszinieren.Es ist immer wieder faszinierend, mit welchen Methoden bestehende Ökosysteme sich zur Wehr setzen, wenn etwas Fremdes droht, sich einzumischen. Manchmal gleich das Ganze einem gigantischen Immunsystem, das auf die erstaunlichste art und Weise versucht, etwas Fremdes  zu etwas Eigenem zu machen. Diesmal leider auf die Kosten des Menschen. Dieser Planet wird  zu einer Quarantänezone werden.

 

Um Erkenntnisse über die Heilungsmöglichkeiten im Frühstadium zu gewinnen war es nötig, die Sektion eines Ferals vorzunehmen. Ich weiß nicht warum, doch als Sanders davon berichtete wirkte er noch verstörter als vorher. Ich frage mich unter welchen Umständen die Sektion stattgefunden hat – denn eigentlich müßte er als Mediziner doch mit der Prozedur an sich reichlich vertraut sein.
Ich kann mich immer noch nicht entschließen, wo es wohl unangenehmer war – auf dem Schiff oder auf dem Planeten aber ich weiß wo ich meine Fertigkeiten hätte sicher besser einsetzen können. Jedenfalls NICHT in den Jeffreys-Röhren!

 

Mit behilflich war den Crewmitgliedern auch einer der Siedler. Er schaffte es nicht, sich mit seinem bevorstehenden Tod abzufinden und tat seinen Teil dazu, um gerettet zu werden, gegen den Willen seines Teams. Über den genauen Ablauf ist mir nichts bekannt, aber wenn ich richtig verstanden habe, dann schwanden seine Hoffnungen dennoch oder er fiel einem Angriff zum Opfer. Jedenfalls kam er nicht auf der Columbia an.
Man kann sich darüber streiten ob es besser ist, in einem Vulkanausbruch kurz und schmerzlos zugrunde  zu gehen oder mit der Aussicht  zu fliehen, sein ganzes weiteres Leben in Isolationshaft und Quarantäne in einer Forschungseinheit zuzubringen. Pflichtgefühl gegenüber der Föderation und der eigenen Rasse kann einen manchmal wirklich zu den unmöglichsten Entscheidungen zwingen.

 

Genau diesem Dilemma sahen sich auch die restlichen Siedler ausgesetzt, denn die Crew kam überein, den Rat der Föderation augenblicklich zu informieren, um sich weitere Anweisungen zu holen.
Der Rat entschied nach einer blitzartigen Krisensitzung, man solle die Siedler kontaktieren und denjenigen von ihnen die Möglichkeit geben, von einem Forschungsschiff in Quarantäne aufgenommen zu werden, die den Wunsch danach äußerten – allerdings unter der Einhaltung strikter Isolation. Man könne nicht das Risiko einer Massenumwandlung  in Kauf nehmen, wenn einer von ihnen umkippen würde.

Bei diesen Worten ging glaube ich erst den meisten der Crew auf, was ein solches Leben mit sich bringen würde.


Und wenn schon ein Teil der Siedler bereit war sich zu opfern um die Gefahr der Ansteckung und Umwandlung vom Universum abzuwehren – würde es dann nicht ihr Opfer vollkommen sinnlos machen, wenn man andere von dort fortschaffte?

 

Wir schickten eine Kommunikationssonde auf den Planeten. Es dauerte lange bis wir die Antwort bekamen und  mir graute es bei ihrer Antwort, läßt sie doch ahnen, welche Zustände in den letzten Stunden dort unten noch geherrscht haben müssen.

 

Wir werden sie nicht vergessen. Die vollstände Crewliste der USS Roanoke und persönliche Briefe an Angehörige wurden überstellt.
Ihre Opferbereitschaft und ihr Pflichtbewußtsein rühren an mein Innerstes.

 

Die letzte Botschaft lautete:

"Wir danken Ihnen für ihr  Angebot.
Wir müssen ablehnen.
Leben Sie wohl und vergessen Sie uns nicht."

 

Der Vulkan brach vier Stunden später aus.